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Neue Welle im Sommer: das Social Leasing in Frankreich geht in die dritte Runde

10. Juni
6 Min. Lesezeit

Während die deutsche Regierung auf einen zeitlich begrenzten Tankrabatt setzt und über mehr Flexibilität bei dem bereits gelockerten EU-Verbrenner-Aus für 2035 nachdenkt, will Frankreich die Abhängigkeit von fossilen Energien im Verkehr senken und den Umstieg auf E-Mobilität beschleunigen. Für den Sommer 2026 ist daher eine Neuauflage des „Leasing social“ geplant, das E-PKW gezielt für Haushalte mit niedrigen Einkommen erschwinglich machen soll.


Die Grundidee: E-Mobilität fördern und für alle erschwinglich machen

Die Gründe dafür liegen teils im ökologischen Ziel des Klimaschutzes und der Reduktion von Treibhausgasen, folgen jedoch vor allem sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Überlegungen. Nicht zuletzt wegen der Verknappung und Preissteigerung von Öl und Gas im Zuge des Irankrieges und der Entwicklungen im Nahen Osten setzt Frankreich verstärkt auf Strom als Energieträger. Auch beim Verkehr.[1] Bis 2030 sollen künftig zwei von drei PKW-Neuzulassungen elektrisch sein und die französische Autoindustrie bis 2027 – so der Wunsch des Präsidenten – jährlich 400.000 E-Fahrzeuge herstellen, bis 2030 sogar eine Million.[2]


Frankreich greift dabei auch die wachsende Belastung der Verbraucher:innen auf, als Argument für die Antriebswende. Sowohl das Umweltministerium als auch der Premierminister verweisen darauf, dass die Elektrifizierung bei PKW sich auch persönlich rechnet, weil E-Mobilität in Frankreich pro 100 Kilometer nur rund ein Viertel bis ein Drittel des Preises für fossilen Verkehr kostet, d.h. nur 2 bis 3 Euro statt heutiger 11 Euro für Dieselfahrzeuge.[3] Eine zentrale Komponente der Elektrifizierungsstrategie ist das sogenannte „Leasing social“.


Wer kann am Social Leasing teilnehmen?

Das Social-Leasing-Programm gibt es in Frankreich seit 2024. Es unterstützt gezielt Geringverdienende durch stark reduzierte Kosten beim Umstieg auf E-Autos. Das Ziel: E-Mobilität für alle möglich machen.


Voraussichtlich im Juli 2026 wird das Konzept in die dritte Runde starten[4], von dem erneut ca. 50.000 Haushalte mit kleinen Einkommen profitieren sollen.

Wer das Angebot nutzen will, muss volljährig, d.h. mindestens 18 Jahre alt, sein und einen dauerhaften Wohnsitz in Frankreich, inklusive Übersee-Gebiete, haben. Das steuerpflichtige Referenzeinkommen (RFR) darf nicht mehr als 16.300 Euro betragen, wobei dieser Wert für jede zu berücksichtigende Person (‚part‘) im Haushalt gilt.[5]  Bezugsgröße dafür ist der Steuerbescheid des Vorjahres.


Zusätzliche Bedingungen betreffen die Entfernung zur Arbeitsstelle und die Verfügbarkeit von Alternativen: der Arbeitsweg muss mindestens 15km betragen und ausschließlich mit dem privaten Auto zurückgelegt werden (bestätigt vom Arbeitgeber bzw. für Selbständige durch Eigenerklärung). Alternativ ist eine jährliche Pendelstrecke von mehr als 8.000 km erforderlich, für die der eigene PKW genutzt wird.[6]  


Das Programm selbst bietet mit staatlicher Unterstützung stark reduzierte Leasingraten bis maximal 200 € monatlich (ohne Sonderausstattung und Versicherung). Ein gewisser Anteil an Verträgen liegt dabei noch unter diesem Wert (2026: mind. 20 Prozent bis 140 €/Monat), die geringsten Raten liegen bei um die 100€. Die Vertragsdauer beträgt jeweils mindestens drei Jahre, je nach Vereinbarung mit Rückgabe oder Kaufoption.[7]


Bedingungen des Social Leasing in Frankreich 2026, eigene Grafik
Bedingungen des Social Leasing in Frankreich 2026, eigene Grafik

Wie funktioniert die Umsetzung?

Üblicherweise gibt es beim Leasing eine stark erhöhte erste Monatsmiete als Anzahlung, die bei Vertragsabschluss fällig wird und mehrere tausend Euro beträgt. Diese entfällt beim social Leasing für den Nutzer. Sie wird stattdessen durch den französischen Staat getragen. In den früheren Programmen lag dieser Betrag pauschal bei rund 7.000 Euro. Diesmal fällt die Staatshilfe individuell aus. Sie beträgt, abhängig von verschiedenen Faktoren wie dem Umwelt-Score oder dem Produktionsort des Motors, zwischen 6.500 € und 9.500 €. Damit sollen offenbar vor allem europäische Marken gegenüber asiatischen Herstellern, insbesondere aus China, gefördert werden.[8] 


Für die Auflage ab September 2025 war ein Budget von 370 Mio. Euro vorgesehen, etwas weniger als beim Start 2024. Zur geplanten Neuauflage in diesem Jahr gibt es bisher noch keine Zahlen zu den Gesamtkosten. Die Gelder dafür stammen nicht aus dem regulären Staatshaushalt, sondern aus den Einnahmen von Energiezertifikaten, über die Energieunternehmen zur Mitfinanzierung ökologischer Maßnahmen verpflichtet werden.

Die privaten Haushalte müssen sich online auf der Seite des Umweltministeriums eintragen. Dabei werden die erforderlichen Voraussetzungen abgeprüft und die Einkommenshöhe automatisch bei der Steuerbehörde abgefragt. Sind die Voraussetzungen erfüllt, wird automatisch ein Nachweis ausgestellt zur Vorlage beim Leasing-Partner. In einer öffentlichen Liste sind die verfügbaren Modelle und Anbieter verzeichnet. Interessierte Haushalte können die Modelle vergleichen und den Leasing-Vertrag beim Anbieter ihrer Wahl abschließen. Da 2027 die ersten Leasingverträge auslaufen, ist von der aktuellen Neuauflage ausgeschlossen, wer bereits 2024 vom Leasing social profitierte.


Mögliche Ausweitung 2026

Erstmals sollen zusätzlich weitere 50.000 Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden für Menschen, die beruflich zwingend auf ihr Auto angewiesen sind. Dazu zählen etwa Mitarbeitende häuslicher Pflegedienste, private Pflegekräfte, Lieferanten oder Händler. Die genaue Ausgestaltung befindet sich derzeit jedoch noch in Planung.[9]


Social Leasing – eine Idee auch für Deutschland?

Die Vorteile des Konzepts liegen auf der Hand.

Das französische Leasing social:


  • richtet sich ausschließlich an Geringverdiener und konzentriert damit die staatlichen Hilfen auf jene, die durch steigende Preise für fossile Energien am stärksten betroffen sind und zugleich kaum Spielraum für eigene Anpassungen haben.

  • verringert Mitnahmeeffekte durch den Fokus auf unterste Einkommensgruppen sowie die Bedingung der Angewiesenheit auf den eigenen PKW

  • berücksichtigt die Haushaltsgröße und das Vorhandensein von Kindern, was die individuelle Leistungsfähigkeit deutlich besser abbildet als eine fixe Einkommenshöhe für alle

  • bietet Klarheit und reduziert den Aufwand für die Haushalte durch eine Förderzusage vor dem Kauf sowie eine möglichst einfache Abwicklung mit klaren Voraussetzungen, weitgehender Automatisierung und ämterübergreifender Zusammenarbeit

  • begünstigt das Entstehen eines Marktes für gebrauchte E-Autos mit der Rückgabe der durch staatliche Hilfe geleasten Wagen, was die Möglichkeiten für E-Mobilität für Haushalte mit geringen Einkommen zusätzlich erweitert

  • verbindet Klimapolitik, soziale Überlegungen und Wirtschaftspolitik, indem es klimafreundliche Mobilität fördert, besonders die europäische (und französische) Automobilwirtschaft unterstützt und versucht, gerade Haushalte mit niedrigen Einkommen an der Verkehrs- und Klimawende zu beteiligten

 


Offen bleibt, ob der klare Fokus auf den untersten Einkommensgruppen auch mit der geplanten Erweiterung für stark mobile Berufsgruppen, die als eine Öffnung in Richtung Mittelschicht verstanden werden kann, langfristig weiter erhalten bleibt.


Trotz der großen Nachfrage in den Vorläuferrunden nahm der Besitz von Neuwagen in den unteren Einkommensschichten offenbar nur wenig zu (ca. 2 Prozent in 2024).[10] Eine Auseinandersetzung mit den Gründen erscheint nötig. Möglicherweise ist das Kontingent zu klein, um eine deutlichere Wirkung zu zeigen, eventuell gehen auch die Modelle oder die Ausgestaltung in dieser Form am Bedarf von Teilen der Einkommensgruppe vorbei. Auch die Infrastruktur wie verfügbare, schnelle Lademöglichkeiten könnten eine Rolle spielen.


Grundsätzlich ließe sich das Modell jedoch gut auf Deutschland übertragen. Ein klarer Schwerpunkt auf den untersten Einkommen wäre hierzulande eine Neuerung. Das Umweltministerium hat erst zu Beginn des Jahres 2026 ein neues Förderprogramm für E-Mobilität aufgelegt, das von ähnlichen Überlegungen getragen wird. Es reicht jedoch deutlich weiter in die Mittelschicht hinein (bis max. 80.000 Euro) und gilt nur beim Kauf eines Neuwagens. Zudem kann die Förderung erst nach Vertragsabschluss beantragt werden.[11] Diese Rahmenbedingungen machen eine Inanspruchnahme durch unterste Einkommensgruppen eher unwahrscheinlich.



Infografik zum E-Auto-Förderprogramm Deutschland, Quelle: BMUKN, https://www.bundesumweltministerium.de/das-foerderprogramm-fuer-elektroautos
Infografik zum E-Auto-Förderprogramm Deutschland, Quelle: BMUKN, https://www.bundesumweltministerium.de/das-foerderprogramm-fuer-elektroautos

Hilfreich wäre ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zur E-Mobilität, was diese mit dem Schlagwort der „Technologieoffenheit“ bisher jedoch vermeidet. Es bräuchte zudem besonders in Deutschland weitere Investitionen: in den Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur mit günstigen Strompreisen, in Schnelllademöglichkeiten und in ausreichende Stromnetze und -speichermöglichkeiten. Nicht zuletzt bräuchte es ein Antragswesen, dass den Aufwand auf Seiten der Privathaushalte klein hält.


FAZIT: Ein wichtiger Baustein, aber kein Ersatz für ein umfassendes Verkehrskonzept

Mit Blick auf ökologische Nachhaltigkeit und die vereinbarten Klimaziele müssen jedoch beide Länder ganz grundsätzlich überlegen, wie umwelt- und sozial gerechte Mobilität künftig aussehen soll. Es darf aus dieser Perspektive nicht allein darum gehen, den Absatz von E-PKW zu fördern und damit weiter vorrangig das Auto als Verkehrsmittel zu stärken. Besonders in Städten liegt mehr nachhaltiges Potential in einem attraktiven ÖPNV statt im motorisierten Individualverkehr. Sowohl aus Gründen des Gesundheits- wie des Umweltschutzes muss die derzeitige Rolle des PKW im Verkehr und dessen Flächenverbrauch grundsätzlich überdacht werden. Eine Verschiebung zu ÖPNV, Rad- und Fußverkehr in Stadt und Land, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, schafft außerdem Unabhängigkeit für Menschen, die nicht (mehr) Auto fahren können oder wollen, besonders Kinder und Jugendliche, Erkrankte oder Senioren. Auch das gehört zu einer nachhaltigen Klima- Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die soziale Förderung von E-Mobilität ist daher nur ein Teilschritt der Klimawende und keinesfalls deren alleinige Lösung.



 


 

Fußnoten:

[2] Zum Vergleich: deutsche Fahrzeugfirmen produzierten 2025 rund 1,22 Mio. E-PKW (mit Plug-In Hybriden 1,67 Mio.), ihr Anteil an der Gesamtproduktion betrug 40 Prozent. Dennoch war nur gut eine von drei Neuzulassungen in Deutschland ein E-PKW. https://www.vda.de/de/presse/Pressemeldungen/2026/260204_PM_Nationale_PM_Pkw-Produktion_in_Deutschland_im_Januar_2026     

[3] Eine Tankfüllung Strom wird mit Kosten von ca. 12 Euro beworben. Siehe die Slider des Umweltministeriums: https://www.ecologie.gouv.fr/actualites/electrifions-france-energie-moins-chere-plus-souveraine-plus-durable Vgl. auch: https://www.electrive.net/2026/04/14/frankreich-plant-drittes-sozialleasing-programm-sowie-e-auto-foerderung-fuer-mittelschicht/ In Deutschland liegen die Preise, je nach Ladeart (privat oder öffentlich) und Tarif bei um die 20 – 70 Euro (Stand 2023). https://www.oekotest.de/freizeit-technik/E-Auto-aufladen-Was-kostet-das-eigentlich--30-60-oder-150-Euro_13691_1.html   

[4] Das Programm startete erstmals Anfang 2024. Die Nachfrage übertraf damals die Erwartungen der Regierung deutlich, so dass bereits nach 6 Wochen statt der geplanten 20 – 25.000 Verträge das gesamte Kontingent von 50.000 Fahrzeugen aufgebraucht war. Bei einer Neuauflage im September 2025 dauerte es immerhin drei Monate, bis das Kontingent von 50.000 Wagen ausgeschöpft war.

[5] Dieser Einkommensbegriff ist ähnlich dem zu versteuernden Einkommen in Deutschland. Kinder erhalten dabei durch den „Quotient familial“ einen eigenen Wert von 0,5 (ab dem 3. Kind 1,0). Eine vierköpfige Familie (zwei Erwachsene, zwei Kinder) zählt steuerlich als drei ‚parts‘. Dadurch steht Familien das Leasing social bei höheren Einkommenssummen als Alleinstehenden offen.

[6] Diese Bedingungen gelten seit 2024, wobei die Höhe des zulässigen RFR den Entwicklungen angepasst wurde. https://www.ecologie.gouv.fr/actualites/electrifions-france-energie-moins-chere-plus-souveraine-plus-durable

[9] Vgl. ebd.

[11] Das Programm läuft über drei Jahre mit einem Fördervolumen von insgesamt 3 Mrd. Euro, womit etwa 800.000 E-Autos gefördert werden können. Erstmalig ist auch eine Kinderkomponente zur Förderung von Familien enthalten. https://www.bundesumweltministerium.de/das-foerderprogramm-fuer-elektroautos

 
 
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